Volkstrauertag im Zeichen von Hannah Arendt
Seit mehr als vier Jahrzehnten gestaltet der Arbeitskreis Volkstrauertag den staatlichen Gedenktag in Bargteheide gemeinsam mit Schülerinnen und Schülern des Gymnasiums Eckhorst. Im Mittelpunkt steht diesmal Hannah Arendt, deren Überlegungen zu Freiheit, politischer Verantwortung und den Gefahren totalitärer Herrschaft bis heute zum Nachdenken anregen.
Die am 14. Oktober 1906 in Hannover geborene Hannah Arendt zählt zu den bedeutenden politischen Theoretikerinnen des 20. Jahrhunderts. Als Jüdin musste sie 1933 vor dem nationalsozialistischen Regime aus Deutschland fliehen. Im Exil beschäftigte sie sich intensiv mit den Ursachen totalitärer Herrschaft und den Bedingungen menschlicher Freiheit. In ihren Arbeiten stellte sie grundlegende Fragen: Wie können Menschen für ihr Handeln Verantwortung übernehmen? Was geschieht, wenn sie aufhören, selbstständig zu denken und zu urteilen? Und wie lässt sich Freiheit in einer Gesellschaft bewahren?
Unter dem Motto „Stop and think!“ greifen die Schülerinnen und Schüler aus vier Religionskursen des zehnten Jahrgangs diese Fragen auf und schlagen eine Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Dabei geht es nicht allein darum, historische Ereignisse zu erinnern, sondern auch darum, die eigene Haltung zu hinterfragen und die Bedeutung von Demokratie und Freiheit für das heutige Zusammenleben zu erkennen. „In einer Zeit, in der die Ohnmacht der Menschen deutlich spürbar ist, geht es darum, mögliche Handlungsspielräume eines jeden Einzelnen aufzuzeigen“, sagt Birgitt Gartenschläger, die den Gedenktag schon seit Jahrzehnten begleitet und mitgestaltet. „In düsteren Zeiten haben Arendts Gedanken ein großes Hoffnungspotential. Sie hat gesehen, wie schrecklich der Mensch sein kann und wie gefährlich sich Staaten entwickeln können. Nun liegt es an uns, herauszubekommen, worauf sich ihre Hoffnung gegründet hat.“
Mit Werkzeugen wie einem Steckbrief oder auch verschiedenen Zitaten nähern sich die Jugendlichen der Vergangenheit von Hannah Arendt an, um an Ende in die Gegenwart umzuschwenken und das Publikum zum Mitdenken anzuregen. Es sei wichtig, politische Entwicklungen kritisch zu betrachten, unterschiedliche Perspektiven einzubeziehen und sich der eigenen Verantwortung bewusst zu sein, so Gartenschläger. „Wir müssen in der Lage sein, verschiedenen Meinungen zu diskutieren, ohne die Würde des jeweils anderen zu verletzen. Dies ist ein schwieriger und zugleich wichtiger Punkt in der Demokratie.“ Der Volkstrauertag wird so zu einem Anlass, nicht nur der Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft zu gedenken, sondern auch über die Voraussetzungen für ein friedliches und demokratisches Miteinander nachzudenken. „Während ich früher Leute schneller verurteilt habe, versuche ich heute mehr, verschiedene Blickwinkel zu betrachten“, sagt Luna. „Obwohl Hannah Arendt vor so langer Zeit gelebt hat, kann man viele Gedanken von ihr auf die heutige Zeit beziehen. Sie war eine gebildete und divers denkende Persönlichkeit. Das finde ich erstaunlich.“
Auch Bürgermeisterin Gabriele Hettwer unterstreicht die Bedeutung des gemeinsamen Erinnerns und der aktiven Auseinandersetzung mit demokratischen Werten. Die Beteiligung junger Menschen eröffnet dabei neue Perspektiven und zeigt, dass Gedenken keine reine Rückschau ist. „Dieser Tag soll wachrütteln und uns anregen, etwas in den Alltag mitzunehmen“, so die Bürgermeisterin. „Das ist uns bei den vergangenen Veranstaltungen sehr gut gelungen.“
Die Gedenkveranstaltung zum Volkstrauertag beginnt am Sonntag, 15. November 2026, um 10 Uhr mit einem Gottesdienst in der Evangelisch-Lutherischen Kirche. Nach der feierlichen Kranzniederlegung am Ehrenmal findet die anschließende Gedenkfeier im Stadthaus Bargteheide statt.